mobil, orientiert, selbstständig

wenn man patienten von der notaufnahme auf eine station verlegt, gibt es drei zauberworte: mobil, orientiert, selbstständig. das heißt: minimaler pflegeaufwand.

das gegenteil: bettlägrig, dement, vollständige übernahme. das heißt: pflegerisches maximalprogramm.
du bist 94. mobil, orientiert, selbstständig. du lebst allein, du gehst zu fuß zum bäcker. seit deine frau gestorben ist, kochst du selbst, deine kinder und enkel helfen dir, mehr nicht. du bist gut gekleidet, du riechst gut.

seit drei tagen hast du bauchschmerzen. seit drei tagen kein stuhl. die schmerzen sind so stark, dass du mit der rettung kommst.

wir nehmen blut ab und machen ein ct. ein tumor blockiert deinen darm und hat die darmwand durchbrochen. bakterien sind in den bauchraum gelangt, der eigentlich steril ist, und die entzündung, die daraus entsteht, breitet sich innerhalb kürzester zeit auf alle organe im bauch aus. normalerweise wird sofort operiert.
du musst dich entscheiden.

die eine möglichkeit: eine große darmoperation, wahrscheinlich mit stoma. vielleicht kommst du durch. vielleicht sitzt du im frühjahr wieder auf deiner bank. wahrscheinlicher sind wochen im bett, schmerzen, eine lange rekonvaleszenz. die selbstständigkeit wäre dahin.

die andere möglichkeit: antibiotika, schmerzmittel, opiate. die entzündung bleibt, sie wird zur sepsis. das dauert tage. wir können die schmerzen lindern, nicht alle.

deine kinder wollen, dass du dich operieren lässt. du hörst ihnen zu. du entscheidest dich für die zweite möglichkeit.

nach einer woche ist dein leben vorbei.

im verlegungsbrief steht: mobil, orientiert, selbstständig. daran ändert sich nichts mehr.

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